Vorstellung der Ergebnisse der Abschlussevaluation Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln

Vorstellung der Ergebnisse der Abschlussevaluation Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln
01.01.2018

„Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren“, heißt das Leitbild von Ein Quadratkilometer Bildung. Das von der Freudenberg Stiftung und der Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie initiierte Programm startete 2006 in Berlin-Neukölln. Es wird dort seit 2017 in einer Verstetigungsphase, die neben den genannten Partnern auch der Bezirk Neukölln trägt, fortgesetzt. Ein Quadratkilometer Bildung zielt mittlerweile in bundesweit zehn von Armut geprägten Stadtteilen darauf, Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen mithilfe von Bildungsnetzwerken zu verbessern. Herzstück des Programms sind die Pädagogischen Werkstätten vor Ort. Sie unterstützen Beteiligte der Netzwerke, nach geeigneten Praxislösungen zu suchen und geteilte pädagogische Haltungen, Strategien und Inhalte zu entwickeln. 

Am 5. Dezember 2017 präsentierte Dr. Tanja Salem in der Quartiershalle auf dem Campus Rütli die zentralen Erkenntnisse der Abschlussevaluation von Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln. Unter den rund 80 Gästen waren neben Verantwortlichen für Bildung und Stadtentwicklung aus Berlin und anderen Bundesländern, Vertreter*innen von Stiftungen sowie Fachkräften aus anderen Programmorten und Bildungsverbünden auch der Stifter Friedrich Graf von der Groeben und die Schirmherrin des Campus Rütli – CR², Christina Rau.

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Dr. Franziska Giffey | Foto: Stephan Röhl

Dr. Franziska Giffey, die Bezirksbürgermeisterin von Neukölln, dankte in ihrem Grußwort allen Beteiligten für ihr langjähriges Engagement. Es gehe darum, das Kind in seiner Ganzheit zu denken und junge Menschen im Stadtteil, die nicht die besten Startbedingungen haben, dabei zu unterstützen, eine Perspektive für sich zu entwickeln. In Ein Quadratkilometer Bildung hätten viele Personen gemeinsam neue Ideen erarbeitet und umgesetzt, denen eben das eine Herzensangelegenheit sei. „Ein Quadratkilometer Bildung ist etwas ganz Besonderes und vieles, was entstanden ist, geht in die Regelstrukturen ein. Daran arbeiten wir mit“, bekräftigte Dr. Giffey.

Die Evaluation des Bildungsnetzwerks Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln wurde im Vorfeld mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sowie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen eng abgestimmt. Die präsentierten Ergebnisse verweisen darauf, dass es für die Gestaltung zukunftsfähiger, sozialräumlich orientierter Bildung, die Ressourcen von Fachkräften, Eltern sowie Kindern und Jugendlichen zum Ausgangspunkt nimmt, eines Unterstützungssystems bedarf, das Netzwerkmanagement und kontinuierliche pädagogische Prozessbegleitung miteinander verbindet.

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Dr. Tanja Salem | Foto: Stephan Röhl

In einem lebendigen Vortrag gab Dr. Salem Einblicke in die Arbeitsweise der Pädagogischen Werkstatt, erläuterte die Rolle der Praxisbegleiterinnen als change agents und lieferte Begründungszusammenhänge dafür, warum es zu welchen Entwicklungen im Programmkontext gekommen ist. Aus Sicht der Befragten hat sich im Verlauf der zehn Jahre die Bildungspraxis im Hinblick auf die Individualisierung von Bildung verändert. Durch verschiedene Kooperationsformate wurden pädagogische Instrumente – Eingewöhnungsbuch, Einlegeblätter, Portfolio und Logbuch – entwickelt und etabliert. Die Verbreitung des Lernwerkstatt-Ansatzes und das Stipendium Ein Quadratkilometer Bildung trugen dazu bei, das individuelle Kind bzw. den Jugendlichen in seinem individuellen Bildungsprozess zu unterstützen.

Pädagogisch-methodische und personelle Verbindungen in Bildungseinrichtungen sowie zwischen Bildungsstufen und -einrichtungen, so legen die Ergebnisse der Evaluation nahe, ermöglichen heute eine durchgängige Begleitung der Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen. Eine besondere Qualität der Pädagogischen Werkstatt scheint es zu sein, in den einzelnen Bildungseinrichtungen vorhandene Ressourcen aufzudecken und aufzugreifen, dabei das Gesamtsystem im Blick zu haben und zwischen verschiedenen Ebenen und Institutionen zu vermitteln.

Nach derzeitiger Forschungslage, so machte Dr. Salem abschließend deutlich, kann der Handlungsansatz, mit dem insbesondere in die pädagogischen Fachkräfte investiert wird, vermittelt zur Verbesserung der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen beitragen (vgl. Järvinen et al. 2015).

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Podiumsdiskussion | Foto: Stephan Röhl

In der abschließenden Podiumsdiskussion bestätigten Wegbegleiter*innen aus der Berliner Verwaltung, Vertreter*innen verwandter Programme aus dem Bundesgebiet und Cordula Heckmann, Schulleiterin des Campus Rütli, ein zentrales Ergebnis der Evaluation: Für die erfolgreiche Arbeit eines Bildungsnetzwerkes sind eine langfristig angelegte Begleitung durch kompetente Personen, ein festes Budget und ein einladender Ort, an dem gemeinsame Ziele entwickelt, gebündelt und in Maßnahmen umgesetzt werden können, unabdingbar. Die Gelegenheit Lösungen mitzugestalten, steigert Einsatzbereitschaft, Motivation und Wirkungskompetenz pädagogischer Fachkräfte und kann zu nachhaltigen Verbesserungen der Bildungschancen vor Ort beitragen. Meinhard Jacobs, ehemaliger Neuköllner Bezirksschulrat, plädierte eindringlich dafür, Bildung stärker als bisher biografienorientiert zu denken und Kooperationen zwischen den verschiedenen Bildungsinstitutionen zu etablieren. Als Konsequenz forderte er eine nachhaltige Regelfinanzierung von Einrichtungen wie der Pädagogischen Werkstatt.

„Welche Rahmenbedingungen“, fragte Ute Krüger, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, mit Blick auf den Transfer in andere Stadtteile mit erhöhtem Entwicklungsbedarf „können vorgegeben werden, ohne die vor Ort vorhandene Kreativität zu zerstören?“. Pauschale Antworten auf diese zentrale Frage gibt es keine, lautete das einhellige Resümee. Die der jeweiligen Situation vor Ort angemessene Mischung von Bottom-up- und Top-down-Prozessen gilt es auszuloten. Ein Quadratkilometer Bildung setzt vor allem auf erstere und schafft Rahmenbedingungen, damit Beteiligte vor Ort mit gemeinsamen Entwicklungsanstrengungen auf innerhalb der Institutionen selbst wahrgenommene Problemlagen reagieren können. Die Ergebnisse der Evaluation von Ein Quadratkilometer Berlin-Neukölln sprechen dafür, dass der Handlungsansatz der Pädagogischen Werkstatt vielversprechend ist. 

Järvinen, Hanna; Sendzik, Norbert; Sartory, Katharina; Otto, Johanna (2015): Unterstützungssysteme im Kontext von Regionalisierungsprozessen. Eine theoretische und empirische Annäherung. In: Journal for educational research online 7 (1), S. 94–124, zuletzt geprüft am 17.02.2017.